Kompetenz in Zahngesundheit
Kompetenz in Zahngesundheit 

Parodontose – Parodontitis – Behandlung - Kosten

Die Lektüre der Publikumspresse und des Internets zum Thema zeigt sehr viel Unsicherheit, Unverständnis und Begriffsverwirrung. Zum besseren Verständnis der Zusammenhänge ist es zweckmäßig, eine kurze Zeit mit den immer wieder vorkommenden Begriffen und deren Bedeutung zu verbringen. Fachleute mögen es nachsehen, dass mancher Begriff nicht exakt wissenschaftlich erklärt und verwendet wird, aber es hilft dem Patienten mehr, wenn er versteht, was für ihn von Bedeutung ist, als die Teilnahme an akademischen Diskussionen.

 

Gingiva: Zahnfleisch

Parodontium: Kieferknochen

Zahnhalteapparat: die funktionelle Einheit aus Gingiva und Parodontium

Gingivitis: Zahnfleischentzündung

Parodontitis („PA“): Entzündung des Kieferknochens

Parodontose: nicht-entzündlicher Rückgang des Zahnhalteapparats

 

Und nun zu den FAQ

Ist Parodontose dasselbe wie Parodontitis?

Nein, bei der Parodontose fehlt die Entzündung: sie kann degenerativ verursacht sein, durch normales „Älterwerden“, durch funktionelle Reize verursacht, durch anatomische Gegebenheiten (dicker/dünner/weicher/harter Knochen) oder Stoffwechsel/Durchblutungsgegebenheiten (Erkrankungen, Rauchen, Medikamente etc.). Parodontose blutet nicht und kann auch durch eine Parodontosebehandlung, die eigentlich eine Parodontitisbehandlung ist, nicht behandelt werden.

 

Woran kann ich selbst denn erkennen, ob bzw. dass ich eine Gingivitis oder „PA“ habe?

So gut wie jede „PA“ hat einmal als Gingivitis „klein angefangen“. Ein wichtiges Zeichen ist das „Zahnfleischbluten“. Voraussetzung hierfür ist allerdings, dass die Zahnpflege (Bürste, Seide, Zwischenraumbürsten etc.) überhaupt den Zahnfleischrand erreicht. Blutung (und auch andere Sekretbildung oder schlechter Geruch/Geschmack) ist bei allen Körperöffnungen ein Alarmzeichen dafür, dass „etwas nicht in Ordnung ist“. Bei Rauchern ist die periphere Durchblutung deutlich herabgesetzt, was dazu führen kann, dass das „Alarmsignal Blutung“ vermindert oder ganz ausfällt. Gleiches kann bei einer fortgeschrittenen „PA“ eintreten:

„Früher hatte ich einmal Zahnfleischbluten, aber das ist schon seit langer Zeit weg“.

 

Wie kann ich eine Parodontitis haben, wenn ich doch gar keine Schmerzen habe?

Die „PA“ ist eine chronische (= „tut nicht weh“) Entzündungserkrankung. („Klassische“ Zahnschmerzen sind eine akute (= „tut weh“) Entzündungserkrankung des Zahnnerven in Folge von Karies.) Schmerzhaft wird die „PA“ erst, wenn sie schon weit fortgeschritten ist. Dann kommt es zu Zahnlockerungen, manchmal sogar zu Spontanverlust, zu Zahnwanderungen und/oder Aufbißempfindlichkeit. Die Entzündung lässt das Zahnfleisch aufquellen, so dass der Rückgang des Kiefers verdeckt wird, - zumindest eine Zeit lang.

 

Wie entsteht die „PA“?

Sie entsteht durch die Bakterien, die im Zahnbelag am Zahnfleischrand und im Zahnzwischenraum verbleiben und im Rahmen der Zahnpflege nicht ausreichend konsequent kontrolliert bzw. entfernt werden. Diese Zahnbeläge verhärten und verkrusten mit der Zeit und setzen sich an der Zahnwurzel fest. Die Bakterienbesiedelung ändert sich in der „Zahnfleischtasche“, so wie die Kruste immer tiefer vordringt. Die tief liegenden Bakterien lösen das Binde- und Knochengewebe nach und nach auf, der Zahn wird sich mit der Zeit lockern. Sie wird begünstigt durch ungesunde Ernährung, Stress, genetische (vererbte) Faktoren („das Terrain“) und durch weitere Einflüsse, z.B. Zahnfehlstellungen; Medikamenteeinnahme oder das Rauchen.

 

Wie läuft eine „PA-Behandlung“ ab?

Aus den bisherigen Antworten ergibt sich folgerichtig die Behandlung: 

  1. Erforschen der Erkrankungsursache(n)
  2. Optimierung der Zahnpflege und Reduzieren/Eliminieren der Ursachen
  3. Entfernen der „Krusten“
  4. Nachsorge

Es gibt also keinen „Abschluss der PA-Behandlung“, denn der Patient bleibt „lebenslang“ ein „PA“-Patient. Es nützt also gar nichts, nach 3 Jahren wieder eine „PA-Behandlung“ vorzunehmen (weil die Krankenkasse sie dann vielleicht wieder bezahlt?). Dies verzögert im besten Fall den Zahnverlust, es wird ihn nicht verhindern. Es führt im Gegenteil zu Frust bei Patient und Zahnarzt und begründet den schlechten Ruf der „PA-Behandlung“.

 

Warum ist die Nachsorge so wichtig?

Es ist nicht zu vermeiden, dass sich immer wieder Gegenden im Mund der Zahnpflege entziehen. Irgendetwas müssen wir ja essen und trinken, und Kaffee, Tee, Rotwein, Zigarren und andere Lebensmittel hinterlassen nun einmal ihre Spuren. Außerdem nimmt die Speichelmenge („Spucke“) mit der Zeit ab, und auch die Zusammensetzung des Speichels ändert sich beim Älterwerden zum Unvorteilhaften, unter anderem durch chronische Medikamenteeinnahme. Die Regel, 2x/Jahr zur Vorsorgeuntersuchung zu gehen und dafür womöglich noch einen „Zahnersatzbonus“ zu erhalten, ist sinnlos. Man muss schon fragen dürfen, nach welchen Regeln ein System funktionieren soll, das eine finanzielle Belohnung (den Bonus, er heißt sogar so!) auslobt, wenn der Zustand eingetreten ist, der doch eigentlich durch die „Vorsorge“ verhindert werden sollte. „Untersuchungen“ allein sind völlig sinnfrei: Regelmäßige (!) Nachsorgebehandlungen mit individuellen Professionellen Zahnreinigungen sind das einzige Mittel, das Wiederkehren der „PA“ zu verhindern.

 

Welche Kosten übernimmt die Krankenkasse im Rahmen der „PA-Behandlung“?

Siehe vorletzte Frage, dort in der Antwort den Punkt 3. Und zwar ausschließlich und nur diese, und auch diese nur für die Behandlung einer Standardsituation. 

 

Wieso übernimmt die Krankenkasse nicht auch die Kosten für die Vor- bzw. Nachbehandlung, ohne die die ganze Behandlung ja nun offenbar sinnlos ist?

Gute Frage, nächste Frage.

Nein, im Ernst: Sicher wäre es konsequent, die Behandlungskosten ganz zu übernehmen, vor allem für die lebenslange Nachsorge. Diese Kosten würden jedoch von der Höhe her, wegen der Individualität des Einzelfalls und auch wegen des bürokratischen Aufwands die Möglichkeiten der gesetzlichen Krankenkassen sprengen. Es muss jedoch auch der Hinweis gestattet sein, dass „PA“ eine durch den Patienten weitgehend selbst verursachte Erkrankung ist (siehe oben). Die „Schicksals-PA“ gibt es nicht bzw. nur in wenigen, sehr seltenen Ausnahmefällen, und diese sollten dann auch nur von Spezialisten (echten, nicht den selbst ernannten) behandelt und dauerhaft betreut werden. Die dafür nötigen Strukturen sind jedoch in unserem deutschen Gesundheitssystem nicht vorgesehen. Außerdem: es gibt zwar Krankenkassen, die sich „Gesundheitskassen“ nennen, aber sie bleiben doch Krankenkassen, und als solche dürfen sie nur Krankheitskosten bezahlen, und keine Gesunderhaltungskosten. Kurz: Gesunderhaltung ist Privatsache. Konsequenterweise dürfte die „PA-Behandlung“ also überhaupt keine Kassenleistung sein.

Wichtig für uns ist also: wir sollten uns nicht der Illusion hingeben, dass „PA“ wie eine Grippe ist, die kommt, behandelt wird, wieder geht und dann auch wegbleibt. Sie bedarf andauernder und lebenslanger Behandlung, zuhause und in der Praxis. Ohne lebenslange Nachsorge kommt sie in kürzester Zeit wieder, garantiert. Wir sollten nicht lamentieren, dass die Krankenkassen sie nicht richtig würdigen und bezahlen, sondern froh darüber sein, dass sie überhaupt etwas übernehmen, auch wenn es auch nur einen zeitlich eng begrenzten Zeitraum betrifft. Für die Behandlung gilt „Sekt oder Selters“, und nur wer bereit ist, die Vor- und Nachsorge in Eigenregie selbst zu bezahlen, sollte den Sekt wählen. Manchmal gilt: lieber zufrieden mit Selters als unglücklich mit Sekt.

Für Privatpatienten gelten diese Beschränkungen nicht.

 

Es ist mir egal, ob ich „PA“ habe. In meiner Familie sind alle mit ihren Zahnprothesen gut zurecht gekommen. ??

„PA“ ist eine chronische Entzündung, die den ganzen Körper betrifft. Die „PA-Keime“ aus den tiefen Zahnfleischtaschen sind über den Blutstrom im ganzen Körper unterwegs und versammeln sich gern an Stellen, an denen sie allergrößtes Unheil stiften: am künstlichen Herzklappen, Endoprothesen und in den kleinen Gefäßen unserer empfindlichsten Organe: Gehirn, Herz Augen und Ohren. Die Entzündung setzt über das Immunsystem Substanzen frei, die ihrerseits Erkrankungen begünstigen, die auf dem „fruchtbaren“ Boden von Entzündungen entstehen: Diabetes, Herzinfarkt, Angina pectoris, Schlaganfall, Asthma. Auch Frühgeburten kommen öfter vor. Bis vor einigen Jahren dachte man, dass „es das war“.

Mit dem zunehmenden Wissen um immunologische Zusammenhänge der letzten Jahre wissen wir heute, dass auch andere Erkrankungen mit entzündlichen Erscheinungen und durch lokale chronische Entzündungen, an vorderster Front die Volkskrankheit „PA“, einher gehen: Alzheimer, Parkinson, und auch Krebs. Und wir haben das Ende noch nicht gesehen.

 

Parodontitis ist keine Erkrankung des Munds, sondern eine Systemerkrankung!

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© Dr. Ulrich Schneider