Kompetenz in Zahngesundheit
Kompetenz in Zahngesundheit 

Implantologie

Zahnimplantate

 

 

Die Implantologie ist als fester Bestandteil der modernen Zahnheilkunde anzusehen und anerkannt. Sie wird jedoch allein schon aus Kostengründen eine ausschließliche Privatbe-handlung, also keine Kassenleistung, bleiben. Die Implantologie ist die zahnärztliche Disziplin,(neben z.B. der Zahnerhaltung oder der Prothetik), die in den letzten 20 Jahren die größten mengenmäßigen Zuwächse hatte. Mit der Zunahme der Zahl der Implantate kommen jedoch auch Probleme einher, deren Menge noch schneller zunimmt als die Menge der Implantate selbst. Wie im „normalen Leben auch“, sollte man sich, wenn auf einmal etwas boomt oder auch verschwindet, fragen, welche Anreize diese Entwicklungen antreiben. Meistens muss man nicht lange fragen, denn es ist immer das Geld, dessen Anreizsystem am besten wirkt, so auch hier. Hierzu die folgenden Informationen und Gedanken; die Schlussfolgerungen folgen, wie der Name schon sagt, am Schluß:

 

Aufgrund der – im Vergleich mit anderen zahnärztlichen Behandlungen –

 

  1. sehr guten Honorierung der Implantologie, die
  2. außerhalb der gesetzlichen Krankenkassen stattfindet,
  3. zudem auch in der zum 1.1.2012 nach 25 Jahren modifizierten privaten Gebührenordnung (GOZ) mit dem höchsten Zuwachs bedachten Teil dieser Gebührenordnung,

 

vermehren sich die „Implantologen“ (erkennbar an den „Tätigkeitsschwerpunkten“, dem „M.Sc.“ („Master of Sciences“, manchmal auch „Master of Desaster“), „Kammerzertifizierungen“ etc.) rasend schnell, was nicht unbedingt medizinisch-ärztlich, sondern in vielen Fällen wirtschaftlich motiviert ist. Dies ist auch daran erkennbar, dass alle implantologisch tätigen Zahnärzte auf ihren Internetseiten ein „universelles Unbedenklichkeitzeugnis“ bezüglich der von ihnen nahezu ausschließlich eingesetzten Implantate aus Titan verbreiten (es sind mir keine Ausnahmen bekannt, bitte informieren Sie mich, wenn Sie eine selbstkritische diesbezügliche Information finden sollten):

 

Titanimplantate sind demzufolge (hier eine Auswahl aus Zitaten der Internetseiten der „Implantologen“ und auch der Implantathersteller):

 

-biokompatibel (was immer das bedeuten soll)

-lösen keine bekannten Allergien aus

-korrosionsbeständig („rosten nicht“)

-biologisch inert

-körperverträglich

-immunologisch unbedenklich

-„unkaputtbar“

-in der Spitze: „besser als der eigene Zahn“ (der dem Implantat nur im Weg steht?)

-als „Reintitan Grad 4 oder gar Grad 5“ das tollste und biologischste, was es überhaupt auf der Welt gibt

-die Lösung aller Probleme, die es überhaupt geben kann

-... und welche lobpreisenden Eigenschaften ihnen darüber hinaus zugewiesen werden.

 

Diese „universellen Unbedenklichkeitserklärungen“ sind schlichtweg falsch und irre-führend.

 

Richtig ist hingegen folgendes:

 

-     Wie jedes andere Fremdmaterial, das in den Körper eingebracht wird, löst das Titanimplantat (genauer: dessen Titananteil, der bei Luftzutritt an der Oberfläche sofort zu Titanoxid wird) eine immunologische Fremdkörperreaktion im Gewebe des Kiefers aus.

-     Diese Fremdkörperreaktion ist tatsächlich in nur sehr wenigen bekannten Fällen allergischer Art, da unser Immunsystem auf das (Titanoxid-)Material schlichtweg nicht allergisch im strengen Sinn antwortet. In allerkürzester Kürze: unser Immunsystem kann nur auf bestimmte Stoffe, darunter Metalle und Fremdeiweiße (Proteine) allergisch im strengen Sinn antworten (Beispiel: Nickel, Birkenpollen), nicht jedoch auf z.B. Metalloxide wie Titanoxid.

-     Unser Immunsystem antwortet aber sehr wohl auf den Kontakt mit dem Titanoxid, und es soll das auch, denn es ist dazu da, alle! Fremdstoffe zu erkennen, nicht jedoch mit einer allergischen, sondern mit einer „unspezifischen Reaktion“ (für Interessierte: u.a. durch die Aktivierung von Gewebemakrophagen und die Produktion von entzündungsfördern-den Zytokinen, u.a. Interleukine). Ferner werden beim Einsetzen der Implantate, unabhängig vom Fabrikat, Oberflächenpartikel in mikroskopischer und Nanogröße abgerieben, die nur teilweise am Ort im Gewebe bleiben, sondern aufgrund der Größe (oder der „Kleinheit“) der Partikel im Gewebe wandern und über die Blutbahn im Körper verteilt werden. Diese abgeriebenen Partikel führen überall, wo sie im Körper vorkommen und eingelagert werden, zu Antworten des unspezifischen Immunsystems, siehe oben. Dies ist durch Studien eindeutig bewiesen.

-     Die tatsächlich nachgewiesenen seltenen Allergien im engeren Sinn sind – wahrschein-lich – tatsächlich nicht auf das Titanoxid zurückführen, sondern auf die in ausnahmslos allen Titanimplantaten vorhandenen Legierungsbestandteile Vanadium, Aluminium oder auch Nickel. Diese Bestandteile und weitere Verunreinigungen auch der „Reintitane“ finden sich an der Oberfläche aller! Implantate und werden für die seltenen tatsächlichen Allergien verantwortlich gemacht.

-     Die Angaben zur Korrosionsbeständigkeit gelten nur unter bestimmten Standardbedin-gungen. Diese sind im Mund aber oft nicht gegeben. Im entzündeten Milieu und bei Anwendung von z.B. fluoridhaltigen Zahnpasten, Mundspülungen (z.B. Meridol, Odol, Listerine etc.) und anderen äußeren und inneren (Medikamente!) Einflüssen kommt es sehr wohl zu Korrosion, sprich: zur Auflösung der Oberfläche des Implantats und zu fortschreitenden Entzündungen mit Gewebeverlust, bis zum Verlust des Implantats und weiteren immunologischen Folgen für den gesamten Körper.

-     Die durch das Titanmaterial bzw. die Oxidpartikel bedingten Entzündungen (Periimplantitis, -mukositis) (die bei den Orthopäden, Kardiologen und Neurochirurgen schon lange bekannt sind, und, nebenbei, ein Thema meiner Promotionsarbeit waren), werden durch die „Implantologen“ meist systematisch ignoriert. Anders ist die gebetsmühlenartige Wiederholung der geradezu gesundheitsfördernden Eigenschaften kaum zu erklären. Die Probleme werden auf mangelnde Mundhygiene, Zahn- bzw. Implantatpflege geschoben. Damit ist der „Implantologe“ fein raus, weil die Ursache der Probleme auf jemand anderen abgeschoben wird. Aber: es existieren mittlerweile sichere Beweise dafür, dass nicht alle, aber die meisten „Entzündungen am Implantat“ durch das Implantatmaterial selbst verursacht sind.

 

 

Was nun?

 

Zur Beruhigung: ein gesundes, intaktes Immunsystem erkennt alle! nicht zum Körper gehörenden Fremdstoffe. Aber das intakte System ist intelligent: es kann gefährliche von ungefährlichen Fremdstoffen unterscheiden. Die gefährlichen werden isoliert und eliminiert, die ungefährlichen werden toleriert. Die Isolierung und Eliminierung geschieht über eine Entzündungsreaktion. Das Immunsystem weiss es nicht besser und kann daher auch nicht anders, und das hat sich über Jahrtausende als genial funktionierendes genetisches Programm ja auch bewährt. Und die Genetik ändert sich nicht innerhalb von ein paar Jahren oder auch Jahrhunderten. Unser Immunsystem ist allerdings nicht unbegrenzt belastbar und wird beim Älterwerden auch nicht leistungsfähiger.

 

Allergien und andere Unverträglichkeiten sind hingegen nicht unbedingt Zeichen eines „schlech-ten“ Immunsystems, sondern dafür, dass die Regulation des Systems gestört ist: Allergien sind unregulierte Überreaktionen des Systems, andere Unverträglichkeiten können mangelhafte oder ausbleibende Reaktionen des Systems sein. Ein besonderer Fall sind die Autoimmunerkrankun-gen, bei denen sich das Immunsystem gegen den eigenen Körper wendet (Diabetes Typ I, Multi-ple Sklerose, und es werden immer mehr Erkrankungen als Autoimmunerkrankungen erkannt. Es ist daher nicht möglich, ein Immunsystem „zu stärken“ (in welche Richtung auch immer „der Joghurt dreht“), sondern die Aufgabe ist es, es nicht zu schwächen oder durch anderweitige Umwelteinflüsse zu stören (Ernährung, Bewegungsmangel, Stress, Rauchen, Alkohol, toxische oder allergene Stoffe in der privaten oder beruflichen Umwelt).

 

Die meisten gesunden Menschen werden auch Implantatmaterialien aus Titan mit den oben genannten Bestandteilen, zumindest eine Zeit lang, tolerieren.

 

Wir erleben aber eine zunehmende Anzahl an Menschen, die schon im jungen Lebensalter an chronischen Erkrankungen oder Störungen leiden, darunter Allergien und andere, wegen denen täglich Medikamente genommen werden, die jedoch nicht zu einer Heilung der Erkrankung oder Störung führen.

 

Wir verfügen heute über die Möglichkeit, die Toleranz unseres Immunsystems mit einer Labor-untersuchung festzustellen, speziell, ob der Einsatz von Titanimplantaten immunologisch vertret-bar ist. Für diese Laboruntersuchung ist lediglich eine Blutprobe nötig. Dieser spezielle Test wird von zertifizierten und akkredidierten Laboren durchgeführt und gibt, wie alle anderen Tests, eine Beurteilung der Situation zum Zeitpunkt des Tests. Die Versorgung mit Zahnimplantaten ist in jedem Fall eine aufwendige und auch teure Behandlungsart (die Versorgung schon einer Einzel-zahnlücke kostet schon zwischen 1700 und 2500 €, Knochenaufbauten nicht mit eingerechnet); der Labortest kostet nicht mehr als 200 €.

 

Was machen wir denn, wenn jemand schon chronisch krank ist?

 

Bei schon vorliegenden chronischen Belastungen ist jedoch immer darüber nachzudenken, ob überhaupt das Risiko einer Titanunverträglichkeit (und Sie wissen jetzt, warum hier nicht „Titanallergie“ steht) eingegangen werden sollte. Wir verfügen heute über die Alternative der Zirkondioxidkeramik, die aus allen bisher bekannten Labortests als biologisch und immunogisch verträglich hervorgegangen ist. Dieser Werkstoff wird von mir auch schon seit über 10 Jahren in allen Fällen von festsitzender Brückenprothetik eingesetzt, nicht nur in Problemfällen, sondern generell und grundsätzlich. Neben der Frage der Verträglichkeit hat er noch mehr Vorteile: er ist noch härter als die Metalllegierungen, einschließlich Titan, und kosmetisch natürlich unschlag-bar. Es gibt auch hier ein wirtschaftliches Argument: in den letzten Jahren ist der Goldpreis durch die Decke geschossen und die Keramik wurde nach teuren Jahren immer billiger. Das oft gehörte Argument, dass „Gold am besten ist“ oder „am haltbarsten ist“, stimmt schon aus immunologischer Sicht schon lange nicht mehr, im Gegenteil: die Unverträglichkeiten und auch  echte Allergien auf Gold nehmen immer mehr zu. Aber ehrlich: auch Keramik ist ein körperfrem-der Stoff, - wir (und auch die Orthopäden und Chirurgen) kennen ihn mittlerweile gut,, aber: bisher ist er der am besten verträgliche Fremdkörper. Bei extrem empfindlichen Patienten (oder solchen mit umweltmedizinisch diagnostizierter MCS) empfehle ich die vorherige Testung der Materialverträglichkeit auch bei keramischen Werkstoffen.

 

Lassen Sie sich (nicht) manipulieren?!:

Was finden Sie gefühlsmäßig am sympathischsten: Hochgoldlegierung, Spargold, Palladiumbasislegierung, Nichtedelmetalllegierung (NEM), edelmetallfreie Legierung, Titan, Keramik, Edelstahllegierung, oder Chrom-Kobalt-Legierung?

(Entschuldigen Sie die Irreführung: Edelstahllegierungen gibt es in der Zahntechnik nicht).

Damit kommt man also nicht wirklich weiter.

 

Es gibt zwei „Argumente“ gegen die Vollkeramik bei Implantaten:

 

1.die anspruchsvolle Behandlungs- und Verarbeitungstechnik, und

2.der höhere Preis gegenüber dem Titanimplantat (Titanimplantate sind Massenware und werden völlig überteuert angeboten. „Implantologen“ erhalten Mengenrabatte. Keramikimplantate sind in der Herstellung deutlich anspruchsvoller. Früher gab es nur einteilige Keramikimplantate, heute gibt es auch zweiteilige, die genauso aussehen wie die aus Titan, nur nicht in schwarz, sondern weiß. Die geballte Gewalt der Titanindustrie walzt alles nieder und „kauft sich die Spezialisten“.)

 

 

Noch ein letztes Wort:

 

 

Es darf nie vergessen werden, dass jeder Zahnersatz, gleich ob Implantat oder eine andere Art der Prothetik, die Folge einer Katastrophe ist, nämlich des Verlusts des Zahns. Auch wenn mancher „Implantologe“, ohne dass er es laut ausspricht, die Ansicht vertritt, dass der natürliche Zahn dem Implantat im Weg steht: wenn Karies und Parodontitis unbehandelt bleiben, so wird das bakterielle Mundmilieu zwingend auch zu einer Entzündung rund um das Implantat führen.

Jeder Zahnverlust hat eine Ursache, die mit menschlichem Versagen zu tun hat, denn: Zahnverlust ist kein unabwendbares Schicksal. Die verursachenden Menschen sind schnell gefunden: in erster Linie der Patient selbst und in zweiter Linie der Zahnarzt, auch die umgekehrte Reihenfolge kommt nicht selten vor.

Die Verantwortlichkeit, die Sie von mir erwarten, lassen mich daher eine Implantatbehandlung daher nur dann empfehlen und sie ggf, selbst durchführen, wenn die Voraussetzungen der Karies- und Zahnfleischentzündungsfreiheit im Mund gegeben sind, die häusliche Zahn- und Mundpflege effizient ist und die Termine für professionelle Zahnreinigungen in der Praxis eingehalten werden.

 

 

Und noch ein allerletztes Wort:

 

Wenn so genannte oder selbst ernannte Implantologen implantologische Behandlungen durchführen, ohne dass die gerade genannten Voraussetzungen gegeben sind, oder bei Patienten, die unter chronischen Erkrankungen außerhalb des unmittelbaren Mundbereichs leiden, ohne Verträglichkeitsuntersuchung implantieren, so muss das mit dem Wissen, über das wir heute verfügen, als ärztlicher Kunstfehler bezeichnet werden und wird in der Regel wirtschaftlich motiviert sein.

Aus der Sicht des gewissenhaften Zahnarztes liegt sicher unkollegiales Verhalten von seiten des unverantwortlich implantierenden Zahnarztes vor, da die Patienten über kurz oder lang mit den Wahrheiten konfrontiert werden und der gewissenhafte Zahnarzt (oder der gewissenhafte Implantologe, denn diese gibt es durchaus!) dann vor der äußerst undankbaren Aufgabe steht, das frühere Vertrauensverhältnis zu erschüttern und den Schaden mit sehr hohem Aufwand wieder zu restaurieren -, wenn dies dann überhaupt noch möglich ist.

 

Es kommt also nicht wirklich darauf an, wie die werbende Implantatewirtschaft suggeriert, zu einem „viel implantierenden“ Zahnarzt zu gehen, sondern zu einem, der nicht nur das mögliche Implantat in der Zahnlücke und die Möglichkeiten im Portemonnaies des Patienten sieht, sondern den gesamten Patienten mit seinen Bedürfnissen, Möglichkeiten und Risiken.

 

Also: Implantieren, ja bitte, aber nur dann, wenn die Voraussetzungen gegeben sind. Sind sie es nicht, dann lieber: nein, danke.

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© Dr. Ulrich Schneider